Die Initiative Sekem macht nachhaltige Bodennutzung in Ägypten vor

Fruchtbarer Boden ist die Grundlage für die Herstellung von Lebensmitteln und damit das kostbarste Gut aller Lebewesen. Die Vereinten Nationen haben Boden als „die Lebensinfrastruktur auf Erden“ bezeichnet und sprechen dabei organischen Bestandteilen besondere Bedeutung zu. Dass wir den Boden behutsam behandeln müssen, um in Zukunft ausreichend Lebensmittel produzieren zu können, wird immer mehr Menschen bewusst. Aber wie verhindern wir beispielsweise Erosion und gewährleisten Biodiversität und ausreichende Kapazitäten um Wasser zu speichern?

In Ägypten, wo unsere Initiative Sekem ihren Sitz hat, ist besonders letzteres eine große Herausforderung. Lediglich sechs Prozent der Gesamtfläche Ägyptens sind bewohnt und nur drei Prozent landwirtschaftlich genutzt. Die restlichen 91 Prozent des Landes sind Wüste. Felder, die nicht direkt am Nil liegen, müssen das ganze Jahr über künstlich bewässert werden. Dabei entfallen mehr als 85 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs in Ägypten auf die Landwirtschaft. Der Nil, die Hauptwasserquelle des Landes, liefert zwar rund 56,8 Billionen Kubikmeter Wasser pro Jahr, kann aber dem stetig steigenden Bevölkerungswachstum nicht mehr gerecht werden. Mit 692 Kubikmetern Wasser pro Einwohner liegt Ägypten unter der von der Weltbank festgelegten Wasserarmutsgrenze. Der Wassermangel kann nur durch Lebensmittelimporte ausgeglichen werden, die Ägyptens Nahrungsmittelsouveränität stark gefährden.

Um dem Bevölkerungswachstum, der Wasserknappheit und dem daraus resultierenden Druck auf die Nahrungsmittelproduktion gerecht zu werden, sind die nachhaltige Erschließung von Wüstenfläche und wassereffziente Bewirtschaftungsmethoden unumgänglich. Wir von Sekem glauben fest daran, dass biologisch-dynamische Landwirtschaft der beste Weg zu einer nachhaltigen Bodenwirtschaft ist. Wir bewässern unsere Felder mit Grundwasser und Wasser aus dem Nil.

Jeder einzelne Quadratmeter Erde, auf dem Sekem heute gesunde und biologische Feldfrüchte anbaut, wurde zunächst durch biologisch-dynamische Methoden urbar gemacht. Das fruchtbare Land ist nun reich an organischer Substanz und weist ein weites Spektrum an mikrobiologischem Leben auf, was wiederum dafür sorgt, dass der Boden beispielsweise bedeutend mehr Wasser halten kann (20 bis 40 Prozent mehr als konventionell bewirtschaftetes Land). Das hohe Aufkommen an Mikroorganismen produziert wichtige Bodennährstoffe, die für das Pflanzenwachstum von großer Bedeutung sind. Um diese Bodenvitalität zu schaffen, nutzt Sekem Kompost, einen speziellen Fruchtfolgewechsel und biologisch-dynamische Präparate.

Dass unsere Bodenwirtschaft tatsächlich positive Auswirkung hat und einen nachhaltigen Nutzen aufweist, wurde Sekem in verschiedenen Studien bestätigt. Das langjährige SEKEM Partnerunternehmen Soil & More International und das Louis Bolk Institute haben beispielsweise die Kohlenstoffspeicherung auf unseren Feldern untersucht. Fünf unterschiedlich alte Böden wurden verglichen. Dabei konnte festgestellt werden, dass im Durchschnitt zirka drei Tonnen CO2 pro Hektar und pro Jahr gespeichert werden. Das ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass biologische Landwirtschaft maßgeblich zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen kann.

Die „100 Prozent Organic Study Egypt“, hat den Anbau von sieben Nutzpflanzen untersucht und dabei die tatsächlichen Kosten von konventionell und biologisch-dynamisch angebauten Pflanzen verglichen. Wenn die CO2-Steuer oder die Kosten für Elektrizität und Dünger nicht subventioniert würden, so wurde festgestellt, würde der konventionelle Anbau sogar höhere Produktionskosten aufweisen, als die biologische Bodenwirtschaft. Dies ist wiederum darauf zurückzuführen, dass konventionelle Landwirtschaft bedeutend mehr Treibhausgase verursacht sowie mehr Elektrizität und Dünger benötigt.

Neben der ägyptischen Subventionspolitik ist das unklare Landkaufrecht eine Herausforderung, mit der Sekem anhaltend zu kämpfen hat. Der Erwerb von Wüstenboden ist eine langwierige Angelegenheit, die den Bauern über mehrere Jahrzehnte Kosten und Mühen verursachen kann. Aber es gibt Hoffnung. Der ägyptische Präsident El-Sisi hat bereits während seines Wahlkampfes 2014 das sogenannte „One Million Feddan“-Landreklamierungs-Vorhaben propagiert: Eine Million Feddan (1 Feddan = 0,42 Hektar) Wüste sollen bis 2017 urbar gemacht werden und weitere drei Millionen Feddan in den darauffolgenden Jahren. Neben der Sicherstellung der Produktion von Nahrungsmitteln soll auch das Agrargeschäft durch das „One Million Feddan“-Projekt gestärkt werden, um so das Wachstum des Bruttoinlandprodukts zu fördern.

Sekem hat in den von der Regierung vorgesehenen Gebieten bereits mehrere Feddan Wüste durch die Anwendung biologisch-dynamischer Methoden zu lebendigem Boden umgewandelt. Die Vorteile dieser Art des Wirtschaftens hat Sekem den zuständigen Ministerien schon zu Mubaraks Zeiten vorgestellt. Die aufgezeigten Erfolge sind auf großes Interesse gestoßen, wurden allerdings bis heute nicht weiter aufgegriffen.

Die Herausforderung bei dem „One Million Feddan“-Projekt ist, die ausführenden Ministerien und Unternehmen davon zu überzeugen, dass rasche Einnahmen, beispielsweise in Form von hohen Landpreisen, langfristig weniger einbringen werden als wenn es den Bauern durch einfache und erschwinglichere Methoden ermöglicht wird, Wüstenboden zu erwerben und diesen auf nachhaltige Art und Weise zu kultivieren. Sekem hofft, dass es als erfolgreiches Beispiel vorangehen kann und damit Interesse für die Möglichkeiten der Urbarmachung durch biologisch-dynamischen Anbau schaffen wird. Wir wollen Bewusstsein für die Kostbarkeit des Bodens schaffen, der nicht nur für die Zukunft Ägyptens, sondern für die Menschheit weltweit von so grundlegender Bedeutung ist.

Helmy Abouleish ist Geschäftsführer und stellvertretender Vorsitzender der SEKEM-Gruppe, zu der fünf Firmen aus den Bereichen Landwirtschaft, Pharmazie, Textilien und Nahrung gehören. Helmy Abouleish ist Mitglied im Beirat des Cradle to Cradle e.V.

Dieser Beitrag ist erstmals im Printmagazin NÄHRSTOFF #1 erschienen.