Cradle to Cradle Kongress 2016

„Inspirierende Menschen – abwechslungsreicher Austausch – Lösungen für eine echte Kreislaufwirtschaft“
Ein Blick auf eine Gesellschaft, wie es sie morgen geben könnte beim dritten Cradle to Cradle Kongress in Lüneburg

Der C2C Kongress bietet seinen Teilnehmenden vor allem eines: eine ideale Vernetzungsplattform, um im stetigen Austausch den Weg in eine zukunftsfähige Welt zu bahnen. Am 23. und 24. September fand zum dritten Mal der weltweit größte Cradle to Cradle Kongress an der Leuphana Universität in Lüneburg statt. Mehr als 700 Teilnehmende diskutierten an beiden Tagen über eine Welt, in der Abfall Nährstoff ist.

In einer Zeit, in der Ressourcen immer knapper werden, bietet C2C einen innovationsorientierten Lösungsansatz: Produkte werden neu entwickelt und von Anfang an so designt, dass Materialien problemlos in Kreisläufe zurückgeführt werden können – Sei es durch biologisch abbaubare T-Shirts, essbare Verpackungen oder sortenreine und gesunde Kunststoffe oder Metalle. Dass dies keine Utopie ist, zeigte der Kongress, auf dem 32 Ak-teur*innen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenkamen und diskutierten.

img_9451Stellvertretend für den Oberbürgermeister von Lüneburg Ulrich Mädge beginnt Hiltrud Lotze, MdB und Mitglied im Umweltausschuss mit den Worten „Damit auch die Generationen nach uns eine Chance haben.“ den Auftakt des Kongresses. Im Anschluss gibt Prof. Dr. Michael Braungart eine Einführung in die Cradle to Cradle Denkschule. Er weist darauf hin, dass wir in der Gesellschaft immer von Recycling reden, wir jedoch kein echtes Recycling haben und dass alle wirklich wertvollen Materialien aufgebraucht sind.

_b5c5345Nach den dankenden Worten am Samstagmorgen an über 100 ehrenamtliche Helfer*innen sowie an alle Akteur*innen begrüßt Dr. Monika Griefahn, Vorsitzende des C2C e.V., alle Besucher*innen und führt in den Kongress ein: Wie erreichen wir eine „effektive Umsetzung einer Umweltpolitik, die beispielsweise mit Bildung, Wirtschaft, aber auch Kunst, Kultur und vielem mehr in die Gesellschaft drängt“? Tagesmoderator und Energieexperte Dr. Franz Alt heißt die Teilnehmenden mit den trefflichen Worten „Die Sonne schickt uns keine Rechnung“ herzlich willkommen und zeigt auf, dass wir inzwischen zwar viel wissen, aber nur relativ wenig umsetzen.

Denkanstöße geben Prof. Dr. Henrik von Wehrden, Dekan für Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität Lüneburg und Dr. Helge Wendenburg, Ministerialdirektor des deutschen Bundesumweltministeriums: „Der Holzweg ist ein guter Weg” und macht deutlich wie wichtig es ist, neue Standards zu definieren und durchzusetzen“, erklärt Wendenburg, „Wir brauchen eine Diskussion darüber, welche Stoffe wir einsetzen, damit wir recyceln können.

_b5c5392Als Auftaktimpuls gibt Prof. Dr. Martin Stuchtey, Gründer & Managing Partner SystemiQ, zu bedenken, dass zunächst Unvorstellbares bereits morgen völlig normal sein kann. Er sieht die derzeitigen Nachhaltigkeitsvisionen weniger als Utopien, sondern ermutigt, diese als gesellschaftliche Möglichkeiten zu begreifen und einem Paradigmenwechsel positiv entgegenzuschauen. Stuchtey spricht die Ineffizienz unterschiedlicher Systeme an und verweist auf verschiedene Missionen zur Umsetzung von Nachhaltigkeit.

Manchmal darf man Dinge „so einfach wie möglich machen“ gibt Wolfgang Grupp, Alleiniger Inhaber & Geschäftsführer von TRIGEMA, den Zuhörerenden zu bedenken. Der Inhaber des größten in Deutschland produzierenden Unternehmens für Sport- und Freizeitbekleidung zeigt, wie stark die Verantwortung zu mehr Nachhaltigkeit bei einzelnen Entscheidungsträger*innen in Unternehmen liegt. Wachstum beispielsweise nicht in Stückzahlen zu denken, sondern in Innovationen ist eine vieler Zukunftsaufgaben, die anspornen dürfen.

Besondere Einblicke und Inspirationen gibt es am Vormittag noch zu den Themen Bau, Produktentwicklung, Design und Bildung in Form von Expert*innengesprächen.

_b5c5624Nach der Mittagspause laden Geschäftsführerin Nora Sophie Griefahn und Geschäftsführer Tim Janßen die Kongress-Teilnehmenden zum Austausch über die C2C Initiativen ein. Dazu gibt Thijs Maartens vom Cradle to Cradle Products Innovation Institute (PII) einen Einblick in die fünf Kategorien der C2C-Zertifizierung. Die Zahl der Zertifizierungen wird im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr wahrscheinlich um 50 Prozent steigen, so Maartens. Griefahn und Janßen verkünden weitere positive Entwicklungen zur C2C Bildungs- und Vernetzungsarbeit: Mittlerweile sind über 400 ehrenamtliche Mitglieder in 36 Regionalgruppen im C2C e.V. organisiert.

Während des Nachmittages gibt es stets zwei parallellaufende Panels an denen die Teilnehmer*innen je nach Interessenlage zuhören können. Über sogenannte „Anwälte des Publikums“ hat jede*r die Möglichkeit, eigene Fragen indirekt an die Akteur*innen zu stellen.

_b5c5764Die Diskutant*innen des Panel I „Textil“ machen auf verschiedene Problemstellungen aufmerksam: Dr. Markus Müller, CEO Johann Müller AG, begreift C2C gleichermaßen als Herausforderung und Chance: „Es ist natürlich eine Hürde, ein schwieriger und langwieriger Prozess aus lediglich sechs Farbstoffen später ebenfalls 700 Garnfarben zu produzieren, aber er lohnt sich“. Auch Wolfgang Grupp sieht C2C als Chance – vor allem als unternehmerische. Dagmar Parusel, Biologin und Senior Scientist bei EPEA GmbH, macht deutlich, dass EPEA als wissenschaftliche Kompetenz C2C in die Praxis umsetzt und gleichzeitig „Match-Maker” unter unterschiedlichen Akteur*innen sein kann.

_b5c5672„Plastik ist ein brennend heißes Thema – es brennt eben gut” eröffnet die Moderatorin Katja Hansen, Beirätin des C2C e.V. und Senior Scientist bei EPEA, Panel II “Alles Plastik, alles gut?”. Zur Plastik-Problematik folgen Fakten und Erfahrungsberichte der drei Akteur*innen. Dr. Barbara Scholz-Böttcher forscht an der Universität Oldenburg an Mikroplastik im Meer und ist „C2C-Neuling”. Eine der größten Eintragsquellen für Mikroplastik im Meer sind Kosmetik-Produkte. Nadja Ziebarth hat als Leiterin des Meeresschutzbüros beim BUND den Einkaufsratgeber „Mikroplastik – Die unsichtbare Gefahr” entwickelt. Als Sustainability Director bei der Desso Group ist Rudi Daelmans aktiv an der Entwicklung von C2C-Produkten beteiligt.

Das aufmerksame Publikum ist aber nicht nur a_b5c5642m Status Quo, sondern vor allem am „Kunststoff der Zukunft” interessiert. „Bio-Plastik ist auch keine Lösung, da die Vögel auch davon erdrosselt werden können” merkt Nadja Ziebarth an. Die drei Gäste stimmen überein, dass Kunststoff ein Wertstoff ist, zu dem man eine neue Haltung entwickeln und den man gezielt und sinnvoll einsetzen muss. Scholz-Böttcher dazu „Im Sinne von Cradle to Cradle kann man Kunststoffe sinnvoll und kreativ einsetzen.“

Wie Ideen, wie C2C politisch Unterstützung erfahren können, erörtern die Diskutant*innen bei Panel IV “Politik”. Hiltrud Lotze, Mitglied im Umweltausschuss des Deutschen Bundestages, informiert über aktuelle Ideen und gibt zu bedenken, dass „eine breitgefächerte strukturelle Veränderung vom Verbraucher bis zum Produzenten zeitintensiv ist”. Norbert Rethmann, Ehrenaufsichtsratsvorsitzender der Rethmann-Gruppe, gibt Einblicke in Vorgehensweisen seines Unternehmens. Er kritisiert die Trägheit politischer Institutionen, auf die Wirtschaftsunternehmen nicht warten können. Der Gruppenleiter im Wirtschaftsministerium NRW, Reinhold Rünker erläutert unterschiedliche Aspekte der zirkulären Wertschöpfung.

_b5c5779„Eines der drei C2C-Prinzipien ist die Nutzung erneuerbarer Energien, deswegen ist diese Expert*innenrunde so wichtig” so Dr. Monika Griefahn, Vorsitzende des Cradle to Cradle e.V., und Moderatorin des Panel III „Energie”. In seiner Keynote „Intelligent verschwenden – neue Wege im Umgang mit Energie” stellt Prof. Timo Leukefeld das energieautarke Haus vor. Von Prof. Dr. Michael Braungart wurde Leukefeld angehalten, neben Energie auch die Materialien im C2C-Kreislaufprinzip zu nutzen. Die „Energierebellin” Ursula Sladek hat nach der Tschernobyl-Katastrophe erkannt: „Wir müssen selbst tätig werden”. So hat sie mit ihren Mitstreiter*innen 1997 den ersten deutschen Ökostrom-Anbieter EWS gegründet. Griefahn und Sladek sind sich einig, dass die Akteur*innen der Energiewende und C2C-Expert*innen in Zukunft noch enger zusammenarbeiten müssen. Dr. Franz Alt wirbt für die „solare Weltrevolution” – ob Solaranlagen auf Kamelrücken oder Fahrrad-Solartelefone in Afrika, die Fotos kommen beim Publikum gut an. Ernster wird es beim Blick in die Zukunft. Die überschüssige Energie muss besser genutzt und in Gas umgewandelt werden. Dazu muss das Gasnetz „grüner” gemacht werden – darin sind sich alle Panel-Sprecher*innen einig. „In zehn Jahren wird das normal sein, die Wissenschaft ist diesbezüglich schon viel weiter als die Politik ahnt” – mit diesem positiven Ausblick leitet Dr. Monika Griefahn zum letzten offiziellen Programmpunkt des Kongresses über.

_b5c5845In der Abschlussrunde liefert Sarah Wiener – Unternehmerin, Buchautorin, Fernsehköchin und Beirätin des C2C e.V. – einen leidenschaftlichen Beitrag zu ihren Passionen: Kochen, Lebensmittel und die Qualität von Lebensmitteln. „Wir wissen überhaupt nicht mehr, was wir essen”, denn der Mensch kombiniert die von der Natur zur Verfügung gestellte Ware plötzlich mit Kunstprodukten. Ihr Tipp für die Zuhörer*innen: „Die erste Guerilla-Tat ist, morgen selber mit frischen Zutaten zu kochen.” Der Tagesmoderator Dr. Franz Alt entlässt die Kongressteilnehmenden ebenfalls mit einem Appell: „Wenn nur ein Mensch in einem Jahr eine weitere Person vom Innovationskonzept C2C überzeugt, so sind das in 30 Jahren 1 Milliarde Menschen. Und das reicht, um die Welt zu retten.”

_b5c6062Beim gemeinsamen Abendessen können die neu gewonnenen Kontakte vertieft und die Eindrücke des Tages ausgetauscht werden. Die positive Stimmung und die Motivation etwas zu bewegen ist bei Teilnehmenden, Helfer*innen und Akteur*innen gleichermaßen zu spüren.

Einen unterhaltsamen und musikalischen Ausklang liefert C2C-Akteur Bela B. zusammen mit der Band Danube’s Bank – ein Konzert für den positiven Fußabdruck.

Ankündigung Kongress 2017
Die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der C2C-Organisation und der Leuphana Universität Lüneburg wird auch im nächsten Jahr einen Kongress hervorbringen. Mit Simultan-Übersetzung wird der vierte internationalen C2C Kongress in Lüneburg in den neuen Räumlichkeiten des vom Stararchitekten Daniel Libeskind entworfenen Zentralgebäudes der Leuphana Universität Lüneburg stattfinden: 20. und 21. Oktober 2017 – save the date!