Dr. Franz Alt zur Loyalität der Sonne und der Intelligenz eines neuen Denkens

Im Jahr 2000 wurden in Deutschland fünf Prozent Ökostrom produziert. 2016 sind es bereits 35% und 2030 können es 100% sein. Die Energiewende ist möglich. Das Solarzeitalter beginnt – die Sonne gewinnt. Wer aber sind die Träger und Treiber dieser Transformation?

Zu über 90% wurde dieser Wechsel von Hausbesitzern und Bauern, von Mittelständlern und Handwerkern, von Genossenschaften und Stadtwerken organisiert – also von unten. Erfolgreiche Schwarmintelligenz. Die „Großen Vier“, also die Energie-Besatzungsmächte Eon, RWE, Vattenfall und EnBW, sind bisher mit weniger als 10% an der Stromwende in Deutschland beteiligt. Der Mittelstand ist die Keimzelle der Energiewende. Dies gilt auch weltweit: Wir haben seit dem Jahr 2000 global den Windstrom verzehnfacht, den Solarstrom verhundertfacht und 2016 gibt es weltweit 360mal mehr Passivhäuser als im Jahr 1990. Das sind Gebäude, die ihren Strom und Wärmebedarf weitgehend autonom und erneuerbar organisieren. Gelebte Schwarmintelligenz. Im armen Bangladesch zum Beispiel gibt es heute über vier Millionen kleine Solaranlagen, finanziert über Mikrokredite der Grameen-Bank, der Bank für die Armen, die Friedensnobelpreisträger Muhamad Yunus als Genossenschaftsbank gegründet hat.

Energiewende erfordert ein neues Bewusstsein für die ständig wachsenden Gefahren des Klimawandels. Es gilt, die bisher überwiegend technischen, ökonomischen, ökologischen und politischen Überlegungen zur Energiewende um zwei zentral wichtige Aspekte zu erweitern: um eine Öko-Psychologie und eine Öko-Ethik. Das ist zum Beispiel die Basis-Erkenntnis der Genossenschaftsphilosophie. Wir haben in Deutschland schon über 1.000 Energiegenossenschaften, in denen aufgewachte Bürgerinnen und Bürger die Energiewende selbst in die Hand nehmen. Sie sind überzeugt, dass die Technik allein uns nicht retten wird. Die äußere Energiewende gelingt nur mit Hilfe einer inneren Energiewende, eben einer Bewusstseinswende, einem bewussteren Sein. Warum ist diese ganzheitliche Energiewende Voraussetzung für das Überleben unserer Spezies?

Jeden Tag verbrennen wir heute so viel Kohle, Gas und Öl wie die Natur in einer Million Tagen geschaffen hat. Selbstverbrennung. Wir Pyromanen verbrennen die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Wir sind befallen von „Dementia fossilis“ und Dementia atomica“. Jeden Tag rotten wir zurzeit 150 Tier- und Pflanzenarten aus, vergrößern die Wüsten um 50.000 Hektar, verlieren 86 Millionen Tonnen fruchtbaren Boden, blasen 150 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft. Sind wir noch zu retten und wie?

Energiegenossenschaften setzen auf eine neue „Energie der Verbundenheit“. Sie aktualisieren die alte Genossenschaftsidee „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele“ und übertragen diese weltweit erfolgreiche Vision auf das Zeitalter des Klimawandels: „Gute Verbindungen spenden Energie“. Man könnte auch sagen: „Bürger, zur Sonne zur Freiheit“.

Von Natur aus gibt es gar kein Energieproblem. Die Natur war nicht blöd und Gott nicht doof. Die Welt ist voller Energie: Die Sonne schickt uns theoretisch jede Sekunde unseres Hierseins 15.000 mal mehr Energie als zurzeit alle 7,5 Milliarden Menschen verbrauchen, die Windkräfte stellen uns 304mal mehr zur Verfügung, die Wellen und Meeresenergie der Ozeane etwa 700mal mehr, die Bioenergie 15mal mehr und die Wasserkraft theoretisch die Hälfte dessen, was wir heute verbrauchen. Hinzu kommt die Geothermie. Das heißt aber auch praktisch: Wenn wir es wirklich, wirklich wollen, ist der hundertprozentige Umstieg auf eine nachhaltige Energiepolitik bis 2040 weltweit möglich. Dieser Wechsel zu einer zukunftsfähigen Energiepolitik ist keine Last, sondern die wichtigste Zukunftschance und die unverzichtbare Voraussetzung für eine gute Zukunft. Diese Energiewende macht uns zu Gewinnern. Wir müssen „nur“ lernen, nicht mehr gegen die Natur, sondern mit ihr zu leben, zu arbeiten und zu wirtschaften. Wir können und müssen die gesamte Symphonie der Erneuerbaren nutzen, um den Klimawandel rechtzeitig zu stoppen.

Auf die Loyalität der Sonne haben sich alle menschlichen Kulturen, Religionen und Weisheitslehren zu allen Zeiten verlassen: die Sumerer und die Babylonier, die Ägypter, die Römer und die Griechen, die Chinesen und die Japaner, die Maoris in Neuseeland und die Aborigines in Australien, die Indianervölker in beiden Amerikas, die alten Kelten. Und auch wir wissen, dass morgen früh in Europa wieder die Sonne scheint. Um diese Zusammenhänge zu verstehen, bedarf es keiner neuen Moral, sondern lediglich der Intelligenz eines neuen Denkens in Beziehungen und Verbundenheit und des praktschen Zusammenschlusses aller Menschen, die dies begriffen haben.

Diese Intelligenz kann damit die Grundlage bilden, Kreisläufe effektiv und regenerativ zu schließen und damit eine Cradle to Cradle Gesellschaft zu begründen.

Egoismus und Gemeinwohl müssen keine Gegensätze bleiben – Eigeninteresse und Gemeinwohl finden sich in einer Genossenschaft. So entstehen Gelassenheit in der Gefahr, gemeinsame Erfahrung, überraschender Erfolg und neue Energie.

Dr. Franz Alt ist Journalist, Buchautor und Berater für ökologische Kommunikation. Unter anderem schreibt Alt Gastkommentare und Hintergrundberichte für über 40 Zeitungen und Magazine. Er hält weltweit Vorträge und berät Konzerne und Regierungen in Energiefragen. www.sonnenseite.com/de

Dieser Beitrag ist erstmals im Printmagazin NÄHRSTOFF #2 erschienen.