Cradle to Cradle und Kultur

Der Mensch unterscheidet sich von allen anderen Lebewesen dadurch, dass er ein kulturelles Wesen ist. Das heißt, er kann Dinge gestalten, braucht aber auch die Möglichkeit dazu. Wem diese Gestaltungsfreiheit genommen wird, der hat es schwer, ein glücklicher Mensch zu sein. Nur, wer an diese Gestaltungsfreiheit herangeführt wird, der vermag sie zu nutzen. Gleichsam ist der Mensch Teil der Erde, der Natur. Das heißt, er muss seine Möglichkeiten nutzen, für die Erde nützlich zu sein, einen positiven Fußabdruck zu hinterlassen. Es ist die große Aufgabe der Politik, den entsprechenden demokratischen Rahmen dafür zu schaffen. Und es ist die große Aufgabe der Kultur, diesen Rahmen einzufordern und ihn mit Leben zu füllen in einer Weise, die einer demokratischen Gesellschaft gut tut.

Kulturschaffende und kulturelle Einrichtungen sind damit grundsätzlich politisch, denn sie gestalten das, was Menschen von den anderen Lebewesen unterscheidet. Und deshalb tragen Kultur und Kulturpolitik dazu bei, die Möglichkeiten zu entwickeln, dass Menschen einen positiven Fußabdruck auf der Erde hinterlassen und sie nicht zerstören. Kreativität ist Motor und Ansporn, kann Entwicklungen positiv – aber auch negativ – befördern. Kreativität und Lösungsorientierungen, die schon in der frühkindlichen Phase entwickelt werden, und Kreativität im gesellschaftlichen Kontext, der positiv oder negativ sanktioniert ist, entscheiden mit, ob Menschen mit den Herausforderungen, die sie sich selbst geschaffen haben – Krieg, Ressourcen- und Klimazerstörung – fertig werden. Das, was heute Nachhaltigkeit genannt wird, ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe von kulturellen Einrichtungen, Künstler*innen und Kulturpolitik. Schaffen wir als Gesellschaft das Potenzial zu sehen?

Die Grundlage einer nachhaltigen Gesellschaft ist eine Kultur der Partizipation, der Empathie und Fairness, der Vielfalt und Schönheit. Diese Begriffe orientieren sich an den ureigenen Bedürfnissen des Menschen, und nur, wenn diese Bedürfnisse erfüllt werden, können Menschen zu einer Form der Nachhaltigkeit kommen, die diesen Namen verdient und die dauerhaft umsetzbar bleibt. Denn nur etwas, das den Bedürfnissen der Menschen entspricht, wird von ihnen freiwillig und mit Lust umgesetzt.

Die Cradle to Cradle Denkschule und das Designkonzept enthalten eine kulturelle Dimension: die Wandlung der Besitz- zu einer Service-Gesellschaft und geht davon aus, dass, wenn wir die richtigen Dinge tun, Produkte richtig und von umfassender Qualität herstellen (ökonomisch, ökologisch, sozial und kulturell), dann alle etwas davon haben. Dieses Konzept ist geeignet, den Zwang zu Besitztum aufzubrechen und eine deutliche kulturelle Veränderung in der Gesellschaft herzustellen.

Wir plädieren für einen Kulturbegriff, der über das künstlerische Schaffen und bestehende Institutionen hinaus auch Lebensformen, Wertvorstellungen, Traditionen und Glaubensrichtungen dazuzählt. Hilmar Hofmanns „Kultur für alle“ bekommt eine neue Dimension. Kultur ist in dieser Sicht der Schlüsselbegriff für das Gesamtgeflecht von Verhaltensmustern, Normen und Werten, die innerhalb einer Gesellschaft die Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft prägen – so hat es auch schon die zweite Weltkonferenz über Kulturpolitik der UNESCO im Jahre 1982 in ihrer Erklärung von Mexiko City formuliert. Damit kommen wir weg von einer Nachhaltigkeitsdebatte, die in der breiten Öffentlichkeit immer noch nahezu ausschließlich über Effizienz und über Technik geführt wird – Stichwort Energiewende.

Kultur und Kulturpolitik können neue Leitbilder entwickeln und sie mit Hilfe der kulturellen und kulturpolitischen Akteur*innen transportieren, in die Gesellschaft transmittieren und so Werte und Ansichten – grob gesagt Kultur – verändern. Das Leitbild des Verzichts kann durch Kultur und Kulturpolitik ersetzt werden durch das Leitbild des Gebrauchens statt Verbrauchens.

Dabei ist der Mensch aktiver Teilnehmer im Naturprozess, lustvoller Konsument, der aber die Produktion von Müll ablehnt Effizienz und Sparen nicht als eine Lösung präsentiert, sondern als Hilfe bei der Verfolgung der richtigen Lösung. Kulturpolitik muss aber auch generell das fördern, was Menschen sich als kreativen nachhaltig denkenden und handelnden Menschen entfalten lässt. Das heißt, sie muss die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und Lösungsmöglichkeiten zu finden, nach ethischen Grundsätzen zu handeln, eigene Initiativen mit Handlungsmöglichkeiten anderer Menschen zu verbinden, fördern. „Quer“ denken und Lösungen finden, das schaffen wir nur mit einer offenen Kultur. Sie muss Bildung und Teilnahme in diese Richtung fördern – zum Beispiel durch eine Neuentfachung der Lokalen Agenda 21, durch die Strategie der Zukunftswerkstätten in der Bildungsarbeit. Es geht dabei nicht nur um Kinder, sondern auch um die Umsetzung in Firmen oder Verwaltungen. Da ist dann auch ein neuer Einkommenszweig für Kulturschaffende. Mit einem so ausgerichteten Schwerpunkt unterstützt Kulturpolitik ein Verständnis und Wissen, das nicht zwangsläufig Müll und Zerstörung nach sich zieht.

Artikel aus dem Printmagazin NÄHRSTOFF#1