Performance Electrics Gründer Pablo Wendel im Gespräch über Kunststrom und Kreisläufe.

C2C e.V.: Performance Electrics verfolgt einen ungewöhnlichen Ansatz zur Stromerzeugung: Der Strom wird durch und mit Kunstprojekten erzeugt und verteilt. Wie genau funktioniert das?

Pablo Wendel: Die Idee klingt erst einmal sehr verlockend und einfach, fast schon naiv. Wenn man aber genau hinschaut, wird Stromerzeugung prinzipiell durch die Art und Weise wie sie produziert wird, definiert. Strom, der mit Sonnenenergie produziert wurde, ist Erneuerbarer Strom, nutze ich Atomkraft, ist es Atomstrom. Wenn ich ein Kunstwerk habe, das Strom produziert, erhalte ich Kunststrom. Den Kunststrom, den wir produzieren, speisen wir ins öffentliche Netz ein. Wir nutzen Technologien, wie Photovoltaik-Zellen oder Generatoren, aber nicht unter dem Blickwinkel von Effizienz und Rationalität, sondern unter einem künstlerischen Aspekt. So hat man am Ende etwas anderes: Ein Kunstwerk.

C2C e.V.: Wie kamst du auf diesen kreativen Ansatz?

Pablo Wendel: Ich beschäftige mich als Künstler schon lange mit dem Nicht-Greifbaren – mit dem Immateriellen. Ich finde Elektrizität als Medium daher sehr spannend, denn auch sie ist nicht greifbar. Außerdem entstand Performance Electrics aus einer persönlichen Notlage heraus, in welcher ich mich damals befand: Ich musste aus meinem Studio ausziehen. Ich hatte nicht genug Aufträge, es war finanziell schwierig und ich war sehr erschöpft von den vielen Projekten. Aus existenziellen Überlegungen, die schon bei der Frage „Wie bezahle ich meinen Strom?“ beginnen, entstand die Idee, sich freier und autonomer zu machen und selber Strom zu produzieren. Ich habe dann begonnen, Stück für Stück eine Infrastruktur aufzubauen und habe Performance Electrics gegründet.

C2C e.V.: Schmarotzer, Off Road, twenty-four/seven, Testudo Solaris, Ottomobile so heißen einige eurer Kunststromprojekte. Hast du einen Favoriten, den du uns kurz vorstellen würdest?

Pablo Wendel: Ich mag alle auf ihre Art und Weise. Das Schmarotzer Projekt war eines des ersten Projekte, das auch ganz direkt in die Gesellschaft eingegriffen hat. Bei diesem Projekt haben wir Photovoltaik-Zellen an die Ladenschilder geheftet und dadurch versucht, das Licht der Werbung, das letztlich schon ein Verbrauch ist, wieder zurückzugewinnen. Das ist natürlich alles andere als effizient, aber es funktioniert. Es ist absurd, wenn einem die Energieverschwendung der Gesellschaft vor Augen geführt wird, wie bei Werbung, die rund um die Uhr leuchtet. Gleichzeitig entstand durch die Kabel, die zwischen den Fassaden verliefen, ein Bild der Vernetzung in der Straße. Die schwarzen Rückseiten der Photovoltaik-Zellen wirkten wie Zensurbalken auf der Werbung. Das war spannend, da auf diese Weise die Werbebotschaft verfremdet wurde. Durch seine Bildgewalt hat das Projekt viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sich quasi verselbständigt und eine ganz andere Dimension erreicht: Passanten kamen mit den größtenteils informierten Ladenbesitzern ins Gespräch und so wurden diese sogar zu Kunstvermittlern.

C2C e.V.: Eure Kunstprojekte beziehen oft Solarzellen und Windräder ein. Kann man daher sagen, der Kunststrom stammt aus Erneuerbaren Quellen?

Pablo Wendel: Wir nutzen Technologien wie Photovoltaik oder Generatoren. Ich sehe diese pragmatisch als Ausgangsmaterialien, wie ein Maler der mit (Öl-)Farbe und Leinwand arbeitet. Natürlich sind die Erneuerbaren Energien die Richtung für die Zukunft. Das Gute an der Kunst ist: Sie muss nicht politisch korrekt sein, sondern darf Grenzen überschreiten und alles ausprobieren. So zum Bespiel beim Projekt die „Varta Bande“, bei welchem Menschen mit Akkurucksäcken durch den öffentlichen Raum gehen und sich in Steckdosen einstecken, um Strom zu sammeln. Dieser gesammelte Strom ist kein reiner Öko-Strom, sondern auch Atomstrom. Das stellt für das Kunstprojekt kein Problem dar. Es entsteht also ein Mischstrom. Durch unsere Aktion wird dieser Mischstrom künstlerisch und performativ aufgeladen und es entsteht Kunststrom!

C2C e.V.: Hinter eurem Modell steht ein Kreislaufgedanke. Was hat die Produktion eures Stroms mit Kreisläufen zu tun?

Pablo Wendel: Geschlossene Kreisläufe werden heutzutage oft sehr einseitig betrachtet. Oft wird dabei ausgeblendet, dass Performance Electrics als herkömmlicher Stromproduzent, aber auch als Hersteller von Kunststrom zur Herstellung von Infrastruktur und Anlagen bzw. Kunstwerken bereits Energie verbrauche. Das Thema der Primärenergie ist ganz zentral. Wir nutzen daher Materialien von Abrissarealen oder auch recycelte Straßenpfosten. Weiterverwertung spielt bei uns eine große Rolle, auch von Materialen, die in sich gar nichts so ökologisch sind. Würden sie aber weggeworfen, ginge die Energie verloren. Diese sogenannte graue Energie, steckt in allen Materialen aufgrund ihrer Herstellung, ihres Transports, und beim Abriss würde wieder Energie aufgebracht werden, um es zu zerstören. Ein zweiter Kreislaufgedanke bei Performance Electrics umfasst die Menschen: In dem Moment in dem jemand unseren Strom bezieht, fördert er über seine Nebenkosten Kunst. Normalerweise haben Nebenkosten nur eine wirtschaftliche Dimension und wer Strom verbraucht müsste aus einer ökologischen Sicht ein schlechtes Gewissen haben. Aber in dem Moment, in dem man Kunststrom gebraucht, fördert man Künstlerisches. Somit entsteht durch den Verbrauch etwas Positives. Dieses Element

verbindet uns mit Cradle to Cradle: Konsum und Verbrauch neu zu betrachten.

C2C e.V.: Strom aus Kunstprojekten beziehen, das unterscheidet sich deutlich von allen anderen konventionellen Stromanbietern auf dem Markt. Wer kann Kunststrom beziehen?

Pablo Wendel: Mein grundlegendes Interesse ist, das Kunst alle erreichen soll und für alle da ist. Ich erreiche jeden über die Steckdose, das ist eine schöne Metapher… Daher auch unser Slogan „Ihr Draht zur Kunst“ als direkte Verbindung. In der Praxis funktioniert das leider nicht immer. Unser Kunststrom ist für alle da, nur reicht er noch nicht für alle.

C2C e.V.: Unsere Geschäftsstelle in Berlin bezieht seit ihrer Gründung 2014 euren Kunststrom! Was verbindet dich und Performance Electrics mit Cradle to Cradle?

Pablo Wendel: Sobald ich mit einem Material oder Produkt arbeite, stellt sich immer die Frage: Was benutze ich denn da? Kann ich das benutzen? Neben ökologischen und visuellen Aspekten träume ich als Künstler schon lange davon, mit Materialien zu arbeiten, die kontinuierlich in Kreisläufen zirkulieren können. Wenn ich eine Skulptur installiere, für die sich irgendwann keiner mehr interessiert, dann steht da kein Sondermüll, sondern ein Stückchen Kompost. Es ist ein schöner Gedanke, dass die Dinge, die man produziert nach ihrer Blüte bzw. nachdem sie etwas erreicht haben, auch wieder gehen können. Diesen Moment wünsche ich mir auch stärker in der Kunst.

C2C e.V.: Und jetzt noch ein Blick in die Zukunft! Wie sieht es bei Performance Electrics in 5 oder 10 Jahren aus?

Pablo Wendel: Ich wünsche mir für Performance Electrics, dass wir eine Dimension erreichen, die es ermöglicht, ernsthafter in große Projekte, nicht nur in der Kunstwelt, eingebunden zu werden. Kunststrom soll an vielen Orten genutzt werden und damit gleichzeitig eine Förderung dahinterstehen, kreative Ideen bewirken. Ich wünsche mir, dass man Künstlerinnen, Künstlern und Kreativen den Freiraum lässt, anders zu denken und zu planen und die Welt anders zu sehen. Das Wissen dazu ist schon lange da.