Henning Siedentopp hat sich schon als Abiturient mit Nebenjob in der Eisdiele dafür interessiert, wie sein Chef sein kleines Unternehmen führt. Heute ist Henning selbst Unternehmer und Geschäftsführer des Fashion-Labels Melawear. Mit Tim hat er sich am 23. April beim LAB Talk unter anderem über die Folgen der Corona-Pandemie für die Textilindustrie und die darin Beschäftigten unterhalten und erklärt, welche Rolle Cradle to Cradle für sein Unternehmen spielt.  

Eines steht für Henning Siedentopp fest: “Die Corona-Krise ist die allergrößte Herausforderung, die wir bei Melawear bisher hatten.” 2014 hat der gebürtige Kasseler das Fashion-Label gegründet. Noch während er an seiner Masterarbeit zum Thema Textilien und Kreislaufwirtschaft saß. Von Unternehmertum fasziniert sei er da schon lange gewesen, erzählte er Tim beim LAB Talk. Aber erst durch das Masterstudium sei in ihm die Idee gereift, zum Gründer im Bereich nachhaltige Textilien zu werden.  

Derzeit werden überall weniger Klamotten gekauft. “Das ist in einer Krise nicht unbedingt das erste, was man braucht”, sagte Henning. Das könne er natürlich verstehen. Aber: Als wachsendes Unternehmen habe Melawear Ziele und einen Finanzplan. “Wir beliefern 300 Händler in Deutschland. Wenn da Umsätze ausbleiben, dann wirkt sich das direkt auf die Mitarbeiterplanung aus”, nennt er eine der Entwicklungen der vergangenen Wochen.  

Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten eine “Katastrophe” 

Doch für die Textindustrie gehen die Herausforderungen durch Corona weit darüber hinaus. Indien, eines der Hauptfertigungsländer der globalen Textilwirtschaft und das Land, aus dem alle Textilien von Melawear kommen, ist von der Krise stark betroffen. “Da sind Produktionsstätten geschlossen und ganze Chargen liegen auf Eis”, so Henning. Wann diese hier einträfen, sei unsicher. Und: für die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten in Indien sei die derzeitige Situation “eine Katastrophe”.  

Die Produktionsverhältnisse vor Ort zu verbessern, sei für ihn ein Antrieb gewesen, Melawear so aufzustellen, wie es letztlich geschehen sei, erzählte Henning. “Vom Baumwollanbau über die Verarbeitung bis zu Konfektionierung: Da sitzen tausende Menschen, die derzeit keine Arbeit haben und kein Geld verdienen können”, berichtete er Tim. Obwohl die Beschäftigten der Produktionsstätte für Melawear dank Fairtrade-Standard feste Arbeitsverträge hätten sei unsicher, wie lange die Gehälter bei ausbleibenden Umsätzen noch bezahlt werden könnten.  

Situationen wie diese stellen für C2C NGO immer wieder die Frage in den Vordergrund, wie lange wir unser derzeitiges Wirtschaftssystem noch aufrechterhalten können und wollen, ergänzte Tim an dieser Stelle. Cradle to Cradle bezieht auch Themen wie faire Löhne und Arbeitsbedingungen mit ein – diese würden derzeit noch stärker als ohnehin ausgehebelt. Und es sei zu befürchten, dass dies auch bezüglich ökologischer Standards in den Lieferketten wieder zunehme.  

Vor der Krise, so Henning, sei nachhaltige Mode in aller Munde gewesen. Auch bei konventionellen Produzent*innen und vor allem bei den Verbraucher*innen. In der Umsetzung allerdings haben es auch vor Corona bereits große Unterschiede gegeben. “Nur 1 Prozent der weltweit angebauten Baumwolle ist bio-zertifiziert. Und ein Drittel davon ist, zumindest in Indien, Fairtrade-zertifiziert. Es liegt also noch ein unglaublich langer Weg vor uns”, so Henning. Und das, obwohl die Herstellung von Knöpfen oder Garnen in dieser Betrachtung noch außen vorgelassen werde. “Es gibt extrem viele Marken am Markt, die mit Fairtrade und Bio werben – und kaum etwas steckt dahinter”, so Henning. 

Das falle auch ihm immer wieder auf, so Tim. Etwa, wenn Sohlen für Flipflops aus recycelten Kunststoffen, die dafür jedoch überhaupt nicht geeignet seien, hergestellt werden. Diese Kunststoffe beinhalteten schädliche Substanzen und seien so weder für den Kontakt mit menschlicher Haut geeignet noch dafür, dass ihr Abrieb als Feinstaub in der Natur lande. 

Mit Henning durch den Siegel-Dschungel  

Er habe sich früher sehr über diese Wettbewerber*innen aufgeregt, erzählte Henning. Heute konzentriere er sich lieber darauf, die Dinge selbst richtig zu machen und darüber möglichst viel zu sprechen und aufzuklären. Für Verbraucher*innen sei es oft gar nicht so einfach, Produkte zu erkennen, die bestimmte ökologische und soziale Standards einhalten, sagte Henning – und gab gleich noch eine kleine Einführung in die Siegelkunde. Für ihn sei dabei besonders wichtig, bei Naturfasern die gesamte Wertschöpfungskette zu betrachten. Und sich auch darüber Gedanken zu machen, was passiere, wenn ein Produkt nicht mehr getragen werde.  

Der Fairtrade-Standard decke quasi den Anbau ab. Im Falle von Melawear den Baumwollanbau in Indien. “Der Standard stellt sicher, dass unsere Baumwollbauern faire Prämien erhalten. Und weil es sich bei uns um Biobaumwolle handelt, sind die Prämien noch ein bisschen höher”, so Henning. Gleichzeitig stelle der nachverfolgbare Anbau nach Bio-Standard sicher, dass die Böden in der Anbauregion gesund blieben.  

Im zweiten Schritt stelle Melawear durch das GOTS-Siegel (Gobal Organic Textile Standard) sicher, dass die gesamte Lieferkette bio-zertifiziert werde. Also alle Materialien, vom Knopf über das Garn bis hin zu den Farbstoffen. “Der Mehrwert hier ist Schadstofffreiheit in allen Produkten”, so Henning. Bezüglich der Löhne in der Lieferkette arbeite Melawear mit Fairtrade an einem Standard, der binnen sechs Jahren dafür sorgen soll, dass auch alle Beschäftigten in der Konfektionierung von Mindestlöhnen auf existenzsichernde Löhne kommen.  

Cradle to Cradle kommt bei Melawear bereits beim Design von Produkten ins Spiel. “Wie können wir so designen, dass wir ein Produkt im Kreislauf halten können? – Das ist für uns von Anfang an immer eine Frage”, sagte Henning. Das entspricht auch der Definition von Cradle to Cradle. Der Ansatz geht daher über andere Konzepte, und damit auch über die inhaltlichen Vorgaben von Siegeln wie GOTS oder Fairtrade, hinaus. Vor allem bei Produkten, die in einer bestimmten Menge produziert würden, stelle sich für Melawear die Frage, wie man diese zurücknehmen und komplett wiederverwerten könne. “Cradle to Cradle ist für uns daher so eine Art Dachkonzept, unter dem sich alle weiteren Standards andocken”, so Henning.  

Machen und darüber reden 

Melawear ist ein Beispiel, dass sich Unternehmertum und Cradle to Cradle nicht ausschließen. Aber welchen Einfluss hat ein vergleichsweise kleines Label auf die milliardenschwere Textilindustrie? Diese Frage stellte sich auch das virtuelle Publikum, mit ganz konkretem Bezug auf das wahrscheinlich recht schmale Marketingbudget der Kasseler Firma. Wenngleich Melawear weniger Geld für klassisches Marketing ausgebe, so Henning, spare man nicht am Budget für Forschung & Entwicklung und spreche immer und überall über die eigene Strategie und die eigenen Ansprüche an die Qualität der Produkte. “Wir arbeiten von Anfang an nach unseren strengen Standards und machen dabei keinerlei Abstriche. Das überzeugt unsere Kunden – und es zeigt dem Rest der Industrie, dass es eben auch so geht”, so Henning.