Wir verbringen etwa 90 Prozent unserer Zeit in Gebäuden! Zeit, die wir in einer gesunden Umgebung verbringen möchten. Doch sind unsere Gebäude für uns Menschen überhaupt gesund? Gasen Möbel oder Wandfarben giftige Stoffe aus? Können wir barfuß über unseren Teppich laufen, ohne mit schädlichen Substanzen in Berührung zu kommen? Und wie ist es mit unserer Umwelt? Schaden wir ihr mit unserem Bauabfall und was passiert mit den ganzen Rohstoffen? Gehen sie einfach verloren? Der Bausektor gehört zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftssektoren. Gleichzeitig ist er der größte Abfallproduzent mit rund 60 Prozent am Gesamtaufkommen in Deutschland — das sind jährlich über 80 Millionen Tonnen.

Zwei Aspekte rücken für uns daher in den Mittelpunkt: Wie gestalten wir unsere Gebäude gesund für Mensch und Umwelt? Und wie können wir Gebäude so designen, dass keine Rohstoffe verloren gehen, sie stattdessen dauerhaft im biologischen oder technischen Kreislauf zirkulieren? Also nach Cradle to Cradle (C2C) funktionieren.

Wir wollen Gebäude wie Bäume und Städte wie Wälder! Begrünte Innenwände und Fassaden, die die Luft Innen und Außen reinigen. Dachbegrünung, um der Vielfalt der Natur einen Lebensraum zu bieten. Große Fenster für viel Tages- und wenig Kunstlicht. Solarzellen, die Strom liefern und gleichzeitig als Sonnenschutz dienen. Inneneinrichtungen, die den Menschen nicht schädigen, sondern seine Gesundheit fördern. Und das alles so, dass Rohstoffe nicht verloren gehen, sondern am Ende der Gebäudenutzung wiederverwertet werden können. Klingt unvorstellbar? Ist es nicht! Beispiele wie die C2C Venlo City Hall, Häuser aus mondgeschlagenem Holz oder luftreinigende Teppiche zeigen, dass es möglich ist und wir auf dem richtigen Weg sind.

Wenn Michel Weijers, Projektmanager bei der Stadt Venlo und Geschäftsführer des C2C EXPOlabs, von der Planung und vom Bau der Stadtverwaltung in Venlo spricht, dann fällt immer wieder das Wort „einfach“: „Lasst uns einfach ein Gebäude bauen, das unsere Stadt besser macht, ein Gebäude, wo die Beamten und Besucher einfach gesünder sind.“ Und: „Lasst uns einfach anfangen.“

Die niederländische Stadt Venlo an der Grenze zum deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen wollte nichts weniger, als ein C2C-Gebäude bauen. Das begann laut Weijers schon mit der Anfangsfrage. Die lautete nicht etwa: Wie schaffen wir mit möglichst wenig Geld ein möglichst funktionales Bürogebäude? Sondern: „Wovon werden Leute eigentlich Glücklich? — Gesundheit.“

Weijers berichtet gerne über die Erfolgsgeschichte „seines“ Rathauses. Denn das Gebäude wurde 2016 fertiggestellt und ist fürwahr ein besonderes Haus: begrünte Wände Innen und Außen, Bäume in den Treppenhäusern und begrünte Dächer säubern die Luft, dämmen das Gebäude und bietet Lebensraum für Flora und Fauna. Tageslicht in den Fluren sorgt für eine angenehme Umgebung ohne Kunstlicht.

Hinzu kommen Aspekte wie die Nutzung erneuerbarer Energien — und eine Energieproduktion möglichst über den eigenen Bedarf hinaus. Oder verbesserte Wasserqualität. So gibt es im neuen Rathaus von Venlo fünf verschiedene Wasserstränge: Regenwasser für die vielen Pflanzen und für die Toiletten. Trinkwasser, Grauwasser und zwei Abstufungen des stark verschmutzten Abwassers. Hinzu kommen Schreibtischstühle, die sich wieder auseinanderbauen lassen, Rücknahmesysteme für Teppiche, Möbel und Baumaterialien. Am Ende der Nutzungszeit stehen die Rohstoffe für neue Gebäude und Produkte zur Verfügung. Nun ist es in Betrieb und Weijers ist gespannt auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleituntersuchungen in rund drei Jahren. Denn die Hypothese der Bauherren war, dass die Mitarbeiter*innen in einem solchen Gebäude weniger krank sind und produktiver arbeiten können. Indizien, die die Hypothese stützen, gibt es schon: „Erste Messungen haben gezeigt, dass die Luft im Gebäude jetzt besser ist als draußen.“ Doch das Gebäude ist nicht nur gesund, sondern auch finanziell profitabel. Es wurden zusätzliche 3,4 Millionen Euro in C2C Maßnahmen investiert — in bessere Luftqualität, in mehr Energieerzeugung etc. — dadurch werden laut Berechnung 17 Millionen Euro über 40 Jahre eingespart. Ein Betrag, der sich sehen lassen kann.

In Venlo steht nicht das einzige C2C inspirierte Gebäude: Die Backsippans Preschools in Schweden, das Bionorica Headquarter in der Oberpfalz, der Park 20|20 in den Niederlanden, der Woodcube in Hamburg oder das neue RAG Stiftungsgebäude auf dem Areal des Weltkulturerbes Zoll- verein in Essen: C2C ist in der Baubranche auf dem Vor- marsch. Und die Best-Practice-Beispiele rufen neue Akteur*innen auf den Plan: In Venlo’s Nachbarschaft nimmt sich der Kreis Viersen die C2C Venlo City Hall zum Vorbild und plant das künftige Kreisarchiv als C2C-Leuchtturmprojekt, die Stadt Nettetal möchte bei seinem Rathausanbau den C2C Prinzipien folgen.

Wohnen wie unter Bäumen

Der Woodcube in Hamburg besteht zu 90 Prozent aus Holz — Holz, das von Thoma Holz stammt und nach bestimmten Mondphasen geerntet wurde. Die Vorteile von mondgeschlagenem Holz wurden durch die ETH Zürich wissenschaftlich bewiesen: Bei abnehmendem Mond geerntetes Holz hat mehr gebundenes Wasser in seinem Inneren. So zieht es sich bei der Trocknung stärker zusammen, wodurch das Holz dichter, druckfester und abwehrender gegen eindringende Pilze, Insekten oder im Notfall gar gegen Flammen ist. „Der Dichtevorteil von Mondholz betrug 5-7 Prozent über mehrere tausend Proben verteilt.“ Materialtechnisch gesehen ist das eine deutliche Verbesserung gegenüber „Nichtmondholz“.

Der Österreicher Erwin Thoma ist gelernter Forst- und Betriebswirt und heute Unternehmer, der Mondholz vertreibt. Mit seiner Firma Thoma Holz hat er den Massivholzbau optimiert: keine Metallschraube, kein Leim hält die aus verschiedenen Holzschichten konstruierten dicken Wände zusammen, sondern nur Zapfen — ebenfalls aus Holz. Um bauen zu dürfen, musste Thoma ein Gutachten nach dem anderen beibringen: Erfüllt seine Konstruktion die erforderlichen Dämmwerte? Ist der Brandschutz gesichert? All das konnte er belegen, aber was ihn am meisten interessierte: Ist das Wohnen im Holzhaus gesünder?

Mehrere Jahre lebte Thoma mit seiner Familie in einer Forsthütte und kann diese Frage mit einem klaren „Ja” beantworten. Seitdem entwickelte er den Massivholzbau weiter. Genau wie für die Planung in Venlo war und ist der Antrieb für ihn ein Produkt, das gesund ist und dessen Materialien sortenrein trennbar sind, um ein qualifiziertes Recycling zu ermöglichen. Und der Unternehmer geht transparent mit seinem Wissen um: Worin in Venlo gerade geforscht wird — der tatsächliche Beweis, dass das Gebäude die Menschen darin gesünder hält — hat Thoma bereits belegt. Zusammen mit dem Mediziner Maximilian Moser wies er nach, dass das Wohnen im Massivholzhaus das Immun- und Nervensystem stärkt. Studien zeigen, dass der Stresspegel von Menschen, die sich in Holzhäusern aufhalten sinkt und das Kreislauf, Schlaf und allgemeines Wohlbefinden positiv beeinflusst werden. Auch das Raum- und Bioklima in Holzhäusern kommt dem Optimum-Bereich des menschlichen Wohlbefindens in Räumen so nah wie kein anderes Material. Das liegt unter anderem an der Materialeigenschaft, durch welche das Gleichgewicht zwischen feucht und trocken erhalten bleibt und zum anderen das Holz die Temperatur in Räumen ausgleicht und Extremtemperaturen verhindert.

Gesunde Häuser und Städte als Rohstoffdepots

Doch nicht nur kleine und mittlere Unternehmen wie Thoma Holz sind von C2C begeistert. Auch große Unternehmen wie die Bauberatung Drees & Sommer sehen in C2C die Möglichkeit die Baubranche zu revolutionieren und zeigen auf, welcher Mehrwert für unterschiedliche Gruppen in C2C steckt: Nutzer*innen bekommen ein optimiertes Haus, dass das Wohlergehen steigert. Inverstor*innen und Bauherr*innen können die Baukosten und das Investitionsvolumen durch Rohstoff- und Performanceleasing, einem hohen Verkehrswert durch Schadstofffreiheit, Recycelbarkeit und Gebäudenutzung als Rohstofflager und damit Materialbanken senken. Für Hersteller*innen bleiben durch Leasing-Modelle die Materialien im eigenen Besitz, wodurch sich der eigene Anteil an der Wertschöpfungskette steigern lässt.

Wertschöpfungsketten spielen auch für die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) eine wichtige Rolle. Die DGNB setzt sich für die Förderung vom nachhaltigem Bauen ein und berücksichtigen die Interessen der kommenden Generationen. Sie schreiben einer Kreislaufwirtschaft nach C2C eine zunehmende Bedeutung zu und weisen in ihrem aktuellen DGNB System explizit auf C2C hin: „Die DGNB setzt sich mit ihrem Zertifizierungssystem somit dafür ein, dass Materialkreisläufe für eine spätere Wieder- oder Weiterverwendung gemäß der C2C-Philosophie bereitstehen — über neue Geschäftsmodelle sowie eine verantwortungsvolle und vorausschauende Produktentwicklung.“

Künftig sollen Städte nicht eine Ansammlung von Gebäuden sein, sondern eine Rohstoffbank für zukünftige Generationen. Gemeinsam mit 15 Unternehmen, Forschungsinstituten und Hochschulen hat EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency) 2015 das EU-finanzierte Forschungsprojekt „Buildings as Material Banks“ (BAMB) initiiert. Es wird ein Materialpass mit BIM (Building-Information-Modeling)-fähigem System für Neu- und Umbauten erarbeitet und in der Praxis getestet. Das Projekt hat das Ziel, die Bauindustrie, in der Gebäude als Materialbanken für die Zukunft entworfen werden, zu verändern. 

Mit BAMB soll der Gebrauch von Recycling-Materialien erhöht, Bau- und Abbruchabfälle beseitigt werden und die Verschiebung der Bauindustrie in Richtung einer C2C-Wirtschaft durch Partnerschaften zwischen Materialnutzer*innen entstehen.

Eine Hilfestellung dabei sind Materialdatenbanken, durch die gesunde Produkte und Materialien schnell und einfach auffindbar sind. Ein Beispiel dafür ist Google Portico — The Google Healthy Materials Online Portal. Angefangen hat es mit der Identifizierung der gesündesten Materialien und Produkte durch Google, um ihre Bürogebäude auf der Welt gesund zu gestalten. Entstanden ist eine Materialdatenbank, die das C2C-Zertifikat einschließt, Zugriff auf Produkt- und Materialinformationen vereinfacht und leicht verständlich darstellt und so materielle Eigenschaften und potentielle Auswirkungen auf die Gesundheit nachvollziehbar macht.

Innovationen brauchen Zeit

Noch ist es ein radikaler Umbruch in der Planung — der Rückbau ganzer Gebäude und die Auswirkungen der Materialien auf die Gesundheit werden bei den Planungsprozessen oft noch nicht berücksichtigt. Das dürfte am Know-how der Planer*innen genauso liegen wie daran, dass die Architekt*innen am Bau nach wie vor viel zu wenig mit Nachfragen dazu konfrontiert werden. Die öffentliche Hand beispielsweise verzichtet aus Angst, ein*e Investor*in könnte abspringen und das Objekt im Landkreis nebenan bauen, in aller Regel darauf, die Frage des Rückbaus überhaupt anzusprechen. Doch die genannten Beispiele zeigen, dass im Markt langsam aber sicher etwas in Bewegung gerät und C2C erfolgreich umgesetzt wird. Initiativen wie Built Positive des Cradle to Cradle Products Innovation Institute wurden gegründet, um den Wert und die Qualität der Materialien und Produkte im Bausektor zu verbessern. Die C2C Bouwgroep in den Niederlanden tauscht sich zu C2C im Bausektor aus und ermöglicht den Austausch von Wissen, Informationen und Erfahrungen. Inzwischen gibt es hunderte von zertifizierten und C2C-inspirierten Produkten aus dem Baubereich. Seien es Bodenbeläge von Bauwerk, Wandfarben von Benjamin Moore & co, Fensterbauteile von Schüco oder Ziegel von Wienerberger, um nur einige wenige zu nennen.

Die Bau- und Architekturbranche steckt voller guter Beispiele, Handreichungen und Ideen, um C2C in der Praxis umzusetzen. Was fehlt ist vielleicht der Mut der Bauherr*innen, dieses auch einzufordern. Was fehlt, ist vielleicht der Wille der kommunalen Verantwortlichen, sich auf die Suche nach den richtigen Partnerschaften zu machen. Aber es sieht doch so aus, als wäre die C2C-Stadt letztlich nur noch eine Frage der Zeit.

Mehr Projekt-Infos unter:

www.bamb2020.eu 

www.c2c-centre.com/project/venlo-city-hall 

www.thoma.at/kreislaufwirtschaft

 

Dieser Beitrag ist erstmals im Printmagazin NÄHRSTOFF #3 erschienen.