Unsere Vorsitzende Dr. Monika Griefahn im Gespräch mit Bundesentwicklungsminister a. D. Erhard Eppler

Du bist einer der ersten, der das Thema Ökologie in den 1970er Jahren auf die politische Tagesordnung gebracht haben – auch gegen Widerstände und Ignoranz. Seitdem ist viel Gutes passiert, trotzdem scheint es, als seien die Probleme nicht kleiner geworden. Ist das auch deine Wahrnehmung?

In den 1970er Jahren gab es gar keine Kategorien, in die man das einordnen konnte, was ich gesagt habe. Als ich im April 1972 bei der internationalen Konferenz der IG Metall einen Vortrag zum Thema Lebensqualität hielt, der stark ökologisch geprägt war, stand am nächsten Tag in der „FAZ“: Jetzt ist er den Kommunisten vollends auf den Leim gegangen. Und in der „Welt“: Er habe nur strengen Puritanismus empfohlen. Natürlich sind wir heute weiter, das hat auch viel mit Alltagserfahrungen und Gewohnheiten zu tun – Mülltrennung zum Beispiel. Aber in der Ökologie – oder grundsätzlich in Systemen − sind die Dinge eben unendlich vernetzt und wenn man etwas ändert, kann man nicht alle Auswirkungen sofort abschätzen. Da tauchen dann eben neue Herausforderungen auf.

Mit dir hat auch der Begriff Lebensqualität Einzug gehalten in die öffentliche Diskussion −Lebensqualität als etwas, das man nicht in Mark und Pfennig ausdrücken kann. Mit Cradle to Cradle versuchen wir, das Thema in den Blick zu rücken – also mehr Lebensqualität durch verändertes Wirtschaften und neue Werte. Wie denkst du ist es um die Lebensqualität heute bestellt?

Der Begriff Lebensqualität ist in den angelsächsischen Ländern entstanden und ist dann durch einen Kongress der IG Metall in den 1972 in Deutschland eingeführt worden. Er hat auch Teile der Wissenschaft erfasst, die versucht hat, Kriterien dafür zu finden. Die Diskussion ist in den 1980er Jahren aber durch marktradikale Strömungen weggedrückt worden. Ich finde, heute redet keiner mehr so recht darüber. Aber trotzdem ist den Leuten Lebensqualität wichtig – also Zeit für die Familie, gute Luft, sauberes Wasser. Sie nennen es vielleicht heute anders. Aber da klafft auf jeden Fall eine riesige Lücke zwischen dem Wissen und Wollen und dem Handeln.

Cradle to Cradle ist ein Konzept mit einer positiven Herangehensweise. Wir sagen: Der Mensch muss nützlich sein für die Welt. Er muss einen positiven Fußabdruck hinterlassen, wo andere nur davon reden, unseren negativen Fußabdruck zu reduzieren. Wie findest du das Konzept?

Früher war ich pessimistischer und habe gedacht, wir können nur durch das Weniger besser werden. Heute denke ich, dass wir Produkte und Dienstleistungen neu erfinden müssen. Also ist Cradle to Cradle ein Ansatz, an dem man weiterarbeiten kann. Allerdings darf er nicht dazu führen, dass alle sorglos mit vorhandenen Ressourcen umgehen. Toll ist, dass sich so viele junge Leute engagieren. Über mich haben viele Leute in den 1970ern gesagt: „Ich habe ja gar nichts gegen den Eppler, aber er ist mir zu pessimistisch.“ Das war für mich, spätestens von 1975/76 an, meine Schwierigkeit: Wie kann ich ökologisch agieren und gleichzeitig Mut machen? Aber ich gestehe, dass ich ein bisschen Zeit gebraucht habe, um das zu begreifen. Wenn ihr da einen Weg gefunden habt, das, was wichtig ist, mit etwas Positivem zu verknüpfen, ist das doch wunderbar.

Cradle to Cradle — oder die Nachhaltigkeitsdebatte insgesamt – wirft in unserer globalisierten Welt auch ein Blick auf Lieferketten und Arbeitsbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländer. Du warst einmal Entwicklungsminister. Wie ist deine Meinung – könnte unsere Entwicklungspolitik anders laufen?

Ohne meine Erfahrung als Entwicklungsminister hätte ich womöglich nicht erkannt, oder erst viel später, wie wichtig Ökologie und Umwelt sind. Die Bodenerosion in vielen Ländern hat mich geschockt. Ich finde heute, dass die ökologischen Themen von Entwicklungspolitik durchaus weit oben stehen. Zum Beispiel wird die Förderung der erneuerbaren Energien vom BMZ (Anm.: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) sehr intensiv betrieben. Heidemarie Wieczorek-Zeul hat vor einigen Jahren gesagt, dass durch die Maßnahmen ihres Ministeriums insgesamt 40 Millionen Menschen mit erneuerbarer Energie versorgt worden sind. Das ist eine ganze Menge. Sauberes Wasser, überhaupt die Wasserversorgung, oder auch die Arbeitsbedingungen in den produzierenden Staaten, das sind sicherlich noch Baustellen. Ein normales Entwicklungsprojekt braucht mindestens acht, zehn oder zwölf Jahre. Die Zeit muss man dem Projekt auch geben, und Hilfe zur Selbsthilfe sollte oberstes Gebot sein.

Bei C2C erleben wir, dass Unternehmen von sich aus einen Vorteil in einer Ausrichtung an diesem Konzept sehen. Ist das eigentlich neu, dass die Wirtschaft auch Treiberin von Innovationen sein kann?

Innovationen für den Ökologie-Bereich kommen tatsächlich auch ab und an aus der Wirtschaft. Überwiegend ist da meiner Erfahrung nach aber Widerstand, und die Politik ist gefragt. Wenn es dann Gesetze und Vorschriften gibt – das sieht man ja auch immer wieder –, dann existieren die Unternehmen trotz aller Horrorszenarien weiter und haben sich unter Umständen sogar hervorragend modernisiert. Ich habe mich meist gegen zu vorschnelle Versöhnungstheorien zwischen Ökonomie und Ökologie gewehrt, weil die meistens darauf hinauslaufen, dass die Ökologie der Ökonomie untergeordnet wird. Aber inzwischen gibt es ja auch so etwas wie eine ökonomische Ökologielobby, also Unternehmen, die langfristig denken und darum Wert auf Ökologie legen. Und es ist natürlich anders herum gut, wenn man für die ökologischen Ziele auch ökonomische Argumente hat.

Beim C2C e.V. engagieren sich mehr als 400 Leute von jung bis alt auf regionaler Ebene, die uns helfen, unsere Vorstellungen von einer besseren Welt in die Gesellschaft zu tragen. Was würdest du denen mit deinen 90 Jahren Erfahrung mit auf den Weg geben?

Am besten ist es, sich in einem konkreten Projekt zu engagieren, das mindestens regional die Menschen beschäftigt, und das kann etwas ganz Verschiedenes sein. Es kann Widerstand gegen einen Autobahnbau sein wie damals bei uns im Südbadischen. Oder gegen das Bombodrom in Brandenburg. Engagement braucht ein praktisches, klar umrissenes Ziel und ein klares Projekt. Und wenn man dann Menschen dafür gesammelt hat, dann kann man mit denen auch noch über andere Dinge reden.

Erhard Eppler ist ein deutscher Politiker der SPD. Von 1970er und 1980er Jahren hatte er diverse Führungsämter in der SPD inne und war von 1968 bis 1974 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Zudem war er von 1961 bis 1976 Abgeordneter im Bundestag, danach bis 1982 im baden-württembergischen Landtag. Darüberhinaus war er nach seiner politischen Laufbahn im Umfeld der evangelischen Kirche tätig, unter anderem mehrfach als Kirchentagspräsident. www.erhard-eppler.de