Wie konnte es dazu kommen? Kleidung erfüllt nicht den Zweck, für den sie eigentlich gedacht ist. Qualität definiert sich heute durch viele Nebensächlichkeiten, aber letztlich ist kaum ein Kleidungsstück für Hautkontakt gemacht. „Das muss ich erst noch waschen, bevor ich es trage.“ Ist das unser Verständnis von Qualität im 21. Jahrhundert? Kleidung macht uns und die Menschen in der Produktion krank. Dabei wissen wir eigentlich längst wie es geht, gesunde Kleidung herzustellen.

Es ist gut, dass mehr und mehr Akteur*innen auf den Plan treten, die ihre Produktion verändern und es richtig machen. Schon wettern Umweltorganisationen dagegen, ein T-Shirt müsse langlebig statt kompostierbar sein. Sie bekämpfen in eingeübter Weise ihre ärgsten Feinde in der Industrie, ohne genauer hinzusehen. Es wird nicht verstanden, dass kompostierbare Textilien ja Nährstoffe für die Biosphäre sind, ihre Materialgesundheit sich dementsprechend auch positiv auf uns Menschen auswirkt. Vielmehr muss ein T-Shirt gesund für Mensch und Umwelt sein, denn das ist der eigentliche Nutzen: Hautkontakt ist das Nutzungsszenario, in dem wir Textilien gebrauchen. Der Markt für „nachhaltige“ Bekleidungsstücke wächst. Dabei fällt auf, dass immer weniger Menschen wissen, was nachhaltige Produkte eigentlich können sollen. Wer kommt auf die Idee, einen Schuh aus alten Autoreifen herzustellen? Er besteht aus vielen schädlichen und nicht abbaubaren Substanzen. Sein Abrieb landet beim Gehen in der Umwelt. Für das Nutzungsszenario, ob am Auto oder Fuß, das völlig falsche Material!

Was sollen diese ganzen Kleidungsstücke aus PET-Flaschen? Das gab es vor 20 Jahren schon. Nichts daran ist innovativ oder umweltfreundlich. PET-Recycling-Trends in der Textilwirtschaft entziehen wertvolles Material aus technischen Kreisläufen, sodass wir dort Primärrohstoffe hinzuführen müssen. Aus einem T-Shirt, das aus einer PET-Flasche hergestellt wurde, wird heute keine Trinkflasche mehr. Mit dieser Nachhaltigkeit verschlimmbessern wir die Textilindustrie. Daneben vermüllen wir die Meere, nur um uns dann damit zu brüsten, das eigentlich falsche Material vom falschen Ort – Stichwort Ocean Plastic – für dann völlig falsche Produkte einzusetzen. Wir müssen endlich definieren, was wir wollen, nicht, was wir nicht wollen. Der Textilsektor hat das Potential vom schmutzigsten zum saubersten Wirtschaftszweig zu werden. Forschung unterstützt diese Veränderung. Aber wir wissen heute schon sehr viel, wir kennen viele Lösungen bereits. C2C-Textilien umzusetzen, ist keine Frage mehr von Technologie. Es ist eine Frage des Wollens. Qualität geht anders. Macht es endlich richtig!

Tim Janßen & Nora Sophie Griefahn
Geschäftsführender Vorstand der C2C NGO

Dieser Artikel erschien erstmals im Printmagazin NÄHRSTOFF #4