In den 80er Jahren musste ich im Obst- und Gemüse-Großhandel meiner Eltern aushelfen. Zu unseren Kunden zählten damals auch einige Bioläden, was mich als ökologiebewussten Menschen freute. Allerdings gab es da etwas, was mich irritierte: Wenn die Auswahl bestand zwischen zwei Bioapfelsorten – die eine saftig, wunderschön anzuschauen, mit intakter Schale, die andere mehlig, verrunzelt und mit Maden durchsetzt – wählten die Bioladenbesitzer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die unattraktivere Sorte. Als ich fragte, warum dies so sei, hörte ich, dass die Kunden schöne, makellose Äpfel nicht als Bio-Ware akzeptieren würden. Ich musste mich an diese Geschichte erinnern, als ich Michael Braungart das erste Mal über Cradle to Cradle sprechen hörte. (…) Ofenkundig leidet C2C unter demselben „Makel der Makellosigkeit“ wie die zu schön geratenen Bioäpfel der 1980er Jahre. Das Konzept klingt einfach zu gut, um wahr zu sein. Vor allem verstößt es gegen einen tief verankerten psychischen Mechanismus, der für den traditionellen Ökologismus insbesondere in Deutschland charakteristisch ist.

Ökologisch korrektes Verhalten wird bei uns nämlich gerne mit Verzicht und Buße assoziiert – keineswegs mit intelligenter Verschwendung oder gar Schönheit. Wer sich für eine intakte Natur einsetzt, der zieht oftmals einen nicht unwesentlichen Teil seines Selbstwertgefühls daraus, dass er zu der Gruppe jener Auserwählten gehört, die aus moralischen Gründen für eine bessere Welt leiden und durch Verzicht auf unökologische Konsumgüter stellvertretend für all die schrecklichen Dinge büßen, die wir Menschen der „geschundenen Erde“ antun. (…) Aus dieser Sicht birgt C2C eine große Gefahr: Wer jahrzehntelang Buße und Verzicht predigte, wer in mehlige Bioäpfel biss und sich selbst im Dienste einer besseren Zukunft Lust und Luxus versagte, der will beim besten Willen nicht hören, dass dieser Einsatz für die Katz gewesen sein könnte. (…) Jedoch weht C2C nicht nur von traditionellen Ökologisten Widerstand entgegen, sondern auch von Pragmatikern, die sich nicht vorstellen können, dass eine Weltwirtschaft nach C2C-Kriterien funktionieren könnte. (…) Allerdings sollte man den unter Experten verbreiteten Mangel an Phantasie nicht als Realismus fehldeuten. Im Gegenteil: Um künftige Entwicklungen realistisch einschätzen zu können, muss man mit Möglichkeiten rechnen, die derzeit noch völlig unrealistisch erscheinen. Ein Blick in die Geschichte beweist, dass die Menschheit immer wieder innerhalb kürzester Zeiträume Fortschritte machen konnte, die kein Realist zuvor für möglich gehalten hätte. (…) Es ist daher keineswegs unrealistisch, davon auszugehen, dass es uns gelingen könnte, Produktion und Konsumtion nach C2C-Kriterien umzugestalten. Ich bin hier aus drei Gründen optimistisch: Erstens, weil in der Bevölkerung bereits ein Mentalitätswandel eingesetzt hat, der Cradle to Cradle entgegenkommt. Gerade jüngere Menschen interessieren sich nicht mehr dafür, bestimmte Güter materiell zu besitzen, es kommt ihnen darauf an, die entsprechenden Services nutzen zu können. (…) Wichtiger noch ist ein zweiter Aspekt: Anders als der traditionelle Ökologismus macht C2C nicht den Fehler, den Altruismus des Einzelnen zu überreizen. Wir wissen aus der Geschichte nur zu gut, dass Ideensysteme, die dem Individuum abverlangen, auf eigene Vorteile zugunsten des Allgemeinwohls zu verzichten, zum Scheitern verurteilt sind. 

Damit verbunden ist ein dritter Aspekt, der für den Erfolg von C2C spricht: C2C ist nämlich der erste ökologische Ansatz, der im Einklang mit modernen evolutionsbiologischen Erkenntnissen steht. Lange Zeit haben Evolutionsbiologen ähnlich gedacht wie traditionelle Ökologisten. Sie gingen davon aus, dass die Lebewesen im Kampf ums Überleben darauf bedacht sein müssten, ihre Ressourcen möglichst effizient und sparsam einzusetzen. Allerdings hat schon Charles Darwin darauf hingewiesen, dass man die Vielfalt der Formen und die Pracht der Farben in der Natur mit einem solchen Sparsamkeitsprinzip nicht erklären kann. (…) Denn in der Evolution geht es keineswegs nur um das „Survival of the Fittest“, sondern nicht zuletzt auch um das „Survival of the Sexiest“. Um sich fortpflanzen zu können, muss ein Organismus nicht nur gut angepasst sein, er muss zudem auch noch attraktiv auf seine Artgenossen wirken, um Sexualpartner zu finden. Attraktiv wirken aber nur solche Individuen, die es sich leisten können, überschüssige Energie in Schönheit zu investieren, denn dadurch demonstrieren sie auf verführerischer Weise, dass sie aus dem Vollen schöpfen, also verschwenderisch mit ihren Ressourcen umgehen können. Intelligente Verschwendung ist also ein Grundprinzip des Lebens, weshalb man evolutionär entstandenen Lebewesen wie uns den Aufruf zum Verzicht schwerlich vermitteln kann. Michael Braungart hat daher Recht, wenn er darauf besteht, dass gute Produkte nicht nur ökologisch nachhaltig, sondern auch ästhetisch schön, sprich: kreativ verschwenderisch sein sollten. Ich halte dies für einen entscheidenden Punkt – auch wenn viele ihn leider missverstehen. Die meisten denken beim Wort „Verschwendung“ sofort an Müllberge. Allerdings resultieren die wachsenden Müllberge der Erde nicht aus der kreativen Verschwendung, sondern vielmehr aus der unkreativen Vergeudung von Ressourcen. (…) Die unansehnlichen, mehligen, mit Maden durchsetzten Bioäpfel der 80er Jahre sind aus unseren Bioläden glücklicherweise verschwunden. Es ist an der Zeit, dass auch das dahinter stehende Ökologiekonzept aus den Köpfen der Menschen verschwindet. Sollte es dazu kommen, werden wir erleben, dass viele neue Energien freigesetzt werden – gerade auch bei solchen Kräften, die das ökologische Terrain bisher gemieden haben wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser.

Dr. Michael Schmidt-Salomon ist freischafender Philosoph und
Schriftsteller, Mitglied im Beirat des C2C e.V. sowie Mitbegründer und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, der viele renommierte Wissenschaftlerinnen, Philosophinnen und Künstler*innen angehören.

Dieser Beitrag ist erstmals im Printmagazin NÄHRSTOFF #2 erschienen.