Interview mit Prof. Dr.-Ing. Jens-Peter Majschak, Institut für Naturstofftechnik, TU Dresden

Prof. Dr.-Ing. Jens-Peter Majschak ist seit 2004 Lehrstuhlinhaber der Professur für Verarbeitungsmaschinen/Verarbeitungstechnik am Institut für Naturstofftechnik an der Technischen Universität Dresden sowie Leiter des Fraunhofer IVV Dresden. Seine Forschung umfasst vor allem Maschinen und Anlagen zur Herstellung von Konsumgütern und Verpacken dieser. Majschak setzt diese Themen in einen breiten gesellschaftlichen Kontext und befasst sich mit den sozio-technischen Auswirkungen der verarbeitenden und verpackenden Industrie. Dazu hält Majschak an der TU Dresden u. A. die Vorlesung “Sozial-technische Aspekte der Konsumgüterproduktion”.

Regionalgruppe (RG) Dresden: An was wird am Institut für Naturstofftechnik geforscht und wo geht es um nachhaltige Verpackungen?

Prof. Dr.-Ing. Jens-Peter Majschak: Das Institut für Naturstofftechnik begleitet die Naturstoff-Wertschöpfungskette über mehrere Stufen: Vom Anbau über Ernte, bioverfahrenstechnische Produktion, Lebensmittelentwicklung und -herstellung, Herstellung von Holz- und Faserwerkstoffen und daraus hergestellten Produkten, Automatisierung der Verarbeitungs- und Verpackungsprozesse inklusive Verfahrensentwicklung bis zur maschinellen Umsetzung und Optierung. Nachhaltiges Verpacken steht bei folgenden Forschungsschwerpunkten im Fokus:

  • 3-D-Umformung von faserbasierten Materialien (Papier, Karton, Verbunde)
  • Ressourcenschonende und effiziente Form- und Fügeprozesse polymerer Packstoffe (u. a. Materialreduktion und Recycling-Packmittel)
  • Ressourceneffiziente Mechatronik in diesen Prozessen sowie hygienegerechte Anlagengestaltung und effiziente Reinigung.

RG Dresden: Wie sind Sie zu dem Thema gekommen und was macht für Sie den Reiz der Thematik aus?

Majschak: Historisch haben sich die Themen aus industrieller Nachfrage, getrieben durch wirtschaftlichen Druck, entwickelt. Nur in dem Maße, wie sich wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit in Einklang bringen lassen, besteht Aussicht auf industrielle Umsetzung und damit u. a. auch soziale Nachhaltigkeit. Da diese Kongruenz an vielen Stellen immer stärker wird, treibt die Aussicht auf tatsächliche Umsetzung die Freude am Forschen und Entwickeln.

RG Dresden: Welche gesellschaftliche Relevanz messen Sie dem Thema Verpackung bei?

Majschak: Sie ist enorm, denn Verpackung ist eine wichtige Voraussetzung für den Schutz aufwändig produzierter Konsumgüter (unser Schwerpunkt) und damit den effizienten Umgang mit den dabei genutzten Ressourcen. Die Herausforderungen diesbezüglich wachsen weltweit enorm durch Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und damit veränderte Lebensumstände und speziell die Urbanisierung, aber auch die sichere Flächenversorgung unterschiedlichster klimatischer Zonen. Gleichzeitig sehen wir uns großen Herausforderungen bei der Schließung von Kreisläufen gegenüber, denn Infrastruktur und Wertwahrnehmung der Verpackung selbst sind nicht ausreichend, um sie konsumentengetrieben im Kreislauf zu halten. Funktionell stehen sich Schutzfunktion und Recyclingfähigkeit/ Abbaubarkeit z. Z. scheinbar unversöhnlich gegenüber, ebenso wie Marketingfunktion und Aufwandsminimierung oder Rohstoffeffizienz der Packstoffe gegenüber Kreislauffähigkeit. Eine komplexe Gemengelage die mangels Beachtung und aufgrund wirtschaftlicher Rahmenbedingungen zu nicht mehr zu ignorierenden Umweltschäden geführt hat.

RG Dresden: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen heutiger Verpackungslösungen?

Majschak: In der Lösung vorgenannter Widersprüche.

RG Dresden: Was denken Sie wie man diese Probleme lösen könnte?

Majschak: Durch ein breit gefächertes Portfolio an Lösungsansätzen, die Einbeziehung der kompletten Wertschöpfungsketten, Setzung politischer Rahmenbedingungen und wirtschaftlicher Anreize bzw. Regelmechanismen und durch Transparenz. Technologische Entwicklung muss dabei die Handlungsfähigkeit sichern.

RG Dresden: Verpacken wir zu viel oder ist das Ausmaß berechtigt?

Majschak: Es gibt Optimierungspotenzial allerdings auch Fehlstimulation verschiedener Art:

  • zu schwache Rolle der Nachhaltigkeit in der Produktkommunikation/im Marketing,
  • fehlende wirtschaftliche Regelmechanismen,
  • Neigung zu Kampagnen und Unausgewogenheit in einer kurzatmigen Medienwelt,
  • und einige mehr.

RG Dresden: Halten Sie Cradle to Cradle-Verpackungen für den richtigen Ansatz? Wie können diese auch für den Massenmarkt, statt nur für die Nische geeignet sein?

Majschak: Bei aller angemahnten Vielfältigkeit von Ansätzen sind isolierte Konzepte, die inkompatibel zu existierenden Prozessen und Infrastrukturen sind, kontraproduktiv, denn es geht in der Regel um Massenartikel, die im Fokus stehen. Gefordert sind echte Kreisläufe auf funktionierenden Strukturen. Aus der Nische führen „Enabler“-technologien für attraktive, vielfältige, funktionsfähige aber wirtschaftliche und eben nachhaltige Verpackungen.

RG Dresden: Welche Materialien sind für die Kreislaufnutzung geeignet und unter welchen Randbedingungen?

Majschak: Dies würde ein Buch füllen, denn es gibt vermutlich wenige Stoffklassen, die grundlegend nicht kreislauffähig sind. Also müsste man auf jede Kombination aus Stoffklasse und Randbedingungen eingehen.

RG Dresden: Konventionelles Plastik lässt sich kaum Abbauen. Weichmacher vergiften Umwelt und den Menschen. So zumindest die öffentliche Wahrnehmung. Hat Plastik überhaupt noch eine Daseinsberechtigung für Verpackungen?

Majschak: Gegenfrage: Wie sieht ein derzeit absehbares realistisches Szenario aus, das ohne Kunststoffe auskommt? Vielmehr stellt sich die Frage, was ist in welchem Kontext realistisch am schnellsten auf Kreislauf umzustellen, funktioniert technisch und wirtschaftlich ohne andere Löcher zu reißen – der Mix macht es und also eine entpolemisierte Problemdiskussion – zugegeben, schwer vorstellbar. Die Ziele von Technik- und Infrastrukturentwicklung müssen schnellstens „getrimmt“ werden, begleitet von Mechanismen, die soziale, ökologische und wirtschaftliche Verantwortung zusammenführen.

RG Dresden: Wie lässt sich die Wiederverwertung bereits bei der Materialauswahl und Verpackungsentwicklung sinnvoll berücksichtigen und wie lässt sich ein reines Downcycling vermeiden?

Majschak: Wiederverwendung und stoffliche Wiederverwertung sind nicht zwingend unter allen Bedingungen die realistische und beste Option. Differenzierung nach Regionen und Randbedingungen wäre angesagt – schwierig aber wichtig in einer globalisierten Welt.

RG Dresden: Beobachten Sie bereits Veränderungen zum positiven in der Verpackungsbranche oder macht man so lange weiter bis es nicht mehr geht?

Majschak: Veränderungen gehen z. Z. viel zu langsam, allerdings wird nicht alles öffentlich, was in Think Tanks und Forschungseinrichtungen gerade gedacht wird. Riesige Wirtschaftsstrukturen, besonders die Kunststoffverarbeitungskette, umzustellen ist eine enorme Herausforderung und ein (viel zu) zeitintensiver Prozess, fürchte ich. Umso mehr wäre viel mehr Kommunikation und gemeinsame Entwicklung zwischen den Teilnehmern der Wertschöpfungskette nötig, damit z. B. Marketing nicht innovative Ansätze pulverisieren oder die Entwickler bestimmte Argumente von Marketing verstehen können und man zu gemeinsamen Lösungen findet. Hier gibt es viel zu viele wettbewerblich motivierte Kommunikationsbarrieren vom Rohstoffhersteller über den Brand Owner bis hin zum Retailer. Digitalisierung sollte hier Möglichkeiten schaffen.

RG Dresden: Wie groß sehen Sie den Anteil an lediglich oberflächlich nachhaltigen Neuerungen in der Verpackungsindustrie (Greenwashing) und wie könnte man dem begegnen?

Majschak: Derzeit ist dieser Anteil noch groß. Da hilft meines Erachtens einzig schonungslose Transparenz und Nutzung medialer Öffentlichkeit – allerdings auf der Basis solider Information – schwierige Dualität.

RG Dresden: Was ist Ihre Vision für die Verpackungen der Zukunft?

Majschak: Vielfältig, dem Anwendungsfall optimal angepasst, systemisch konzipiert (mit auf die Komponenten optimal verteilten Teilfunktionen), sicher, kreislauffähig bzw. minimiert und dann ggf. auch teilweise rückstandsfrei abbaubar oder energetisch verwertbar.