Im Wald arbeiten alle Pflanzen und Lebewesen zusammen. So unterschiedlich die einzelnen Akteure dort auch sein mögen: Sie bilden ein geschlossenes Ökosystem, ganz ohne Müll. Dass dies auch im Bauwesen möglich ist, zeigten Holzbaupionier Erwin Thoma und der Architekt Jörg Finkbeiner von Partner und Partner Architekten am 6. März 2020 beim C2C Forum “Klimapositives BAuen” im C2C LAB vor vollem Haus.  

Erwin Thoma und Jörg Finkbeiner eint ihre Begeisterung für Holzbau. Und dabei geht es nicht um kleine Holzhütten. Die Thoma Holz GmbH baut mit ihrem Cradle to Cradle-zertifizierten System Holz100 neben Wohnhäusern auch Hotels vollständig aus unbehandeltem Holz und hat unter anderem das Material für das Rathaus in der C2C-Modellstadt Venlo gestellt. Finkbeiner baut mit Partner und Partner Architekten derzeit in Wolfsburg die beiden Holzhochhäuser Woodscraper, die 2019 mit dem Bundespreis Ecodesign ausgezeichnet wurden. Beide sind überzeugt, dass Holzbau in der Breite aufgrund der Materialgesundheit und der Dämmeigenschaften nicht nur wesentlich zum Klimaschutz beitragen kann. Sondern auch, dass diese Art und Weise zu bauen elementarer Teil einer echten Kreislaufwirtschaft nach Cradle to Cradle ist.   

Holz im Überfluss… 

Die beiden Woodscraper, so Finkbeiner, speicherten in der Konstruktion etwa 1600 Tonnen CO2 pro Gebäude. “Sie sind ein aktiver Beitrag zum Klimaschutz”, sagte er in seinem Vortrag. “Holz ermöglicht Energieautarkie – das ist der Quantensprung, den wir brauchen”, fügte Thoma hinzu. Einen Mangel am Material Holz gebe es nicht, so die beiden. Ganz im Gegensatz zu Sand als Baustoff für Beton. “Wir ersaufen im Holz, weil wir Häuser betonieren”, sagte Thoma. Jährlich würden in Deutschland rund 76 Millionen Kubikmeter Rohholz gerodet, so Finkbeiner. Bei einem jährlichen Bedarf von 272000 neuen Wohnung in Deutschland würden demnach 12,5 Prozent der jährlichen Holzernte ausreichen, um den gesamten Neubaubedarf aus Massivholz zu decken, so Finkbeiner weiter. 

Die Kreislauffähigkeit des Materials wird bei dieser Rechnung noch gar nicht beachtet. Denn Holz sei noch nach Jahrzehnten wiederverwendbar. “Bis zur Generation unserer Großeltern war Holz aus dem Wald eine Art Sparkasse”, so Thoma. Wenn heute ein Haus abgerissen werde, “dann kommen wir sofort auf die Sondermüllschiene. Das kostet zusätzlich Geld”, sagte er weiter. Es brauche demnach eine grundsätzlich neue Haltung im Bauwesen, das für gut 60 Prozent des gesamten Müllaufkommens in Deutschland verantwortlich ist. “Wir müssen Gebäude als Materialbank verstehen. Theoretisch können wir alle Teile ausbauen und in einem neuen Gebäude einbauen”, sagte Finkbeiner. So würde sich auch der Blick auf die Kosten ändern, die derzeit noch über denen konventioneller Bauten lägen – wenngleich auch nur leicht. Bei den Woodscraper seien es etwa 100.000 Euro Mehrkosten im Bau. Die Kostenminderung bei einer Umnutzung, die geringeren Kosten durch den günstigeren Rückbau und die Vermeidung von Sondermüll sowie der Werterhalt und Ertrag der verbauten Materialien seien in dieser Vergleichsrechnung noch nicht enthalten, so Finkbeiner.  

Und diese Rechnung gelte nicht nur für Holz. “Wenn man in 50 Jahren aus einem Gebäude auszieht, in dem Kupfer verbaut ist, dann kann man davon ausgehen, dass das zu diesem Zeitpunkt sehr viel Wert sein wird. Das ist eine wirtschaftlich interessante Perspektive”, so Finkbeiner. In 50 Jahren, ergänzte Thoma, “werden wir froh sein, wenn wir auf Urban Mining und Cradle to Cradle-Bauten zurückgreifen können. Daher ist es extrem wichtig, dass wir Cradle to Cradle so schnell wie möglich in der Bauwirtschaft umsetzen. Das müsste ein zwingendes Ausschreibungskriterium werden”, so Thoma.  

…und eine reaktive Gesetzgebung 

Bisher ist das nicht der Fall – und der Dialog mit Genehmigungsbehörden teilweise müßig. “Die Landesbauordnungen werden sukzessive angepasst. Wir stellen fest, dass die Gesetzgebung reaktiv ist – darüber rege ich mich als Planer auf”, so Finkbeiner. Denn: Wenn sich im Bauwesen etwas hin zu mehr Nachhaltigkeit ändere, dann passten die Gesetze schnell nicht mehr zur Realität. “Ich würde mir wünschen, dass man nicht so viel regelt, sondern eine Latte festlegt, über die man springen muss und so Innovation möglich macht”, fügte der Architekt hinzu. Für Thoma steht fest: “Wir müssen von der belastenden Wirtschaft zur echten Kreislaufwirtschaft kommen.” 

Das Problem besteht allerdings nicht nur bei Neubauten, wie die Sanierung des C2C LAB zeigte. Die weltweit erste Bestandssanierung nach Cradle to Cradle in einem Ostberliner Plattenbau war von behördlicher Seite ebenfalls mit Schwierigkeiten verbunden, die die geschäftsführende Vorständin von C2C NGO, Nora Sophie Griefahn, erzählte. Weil die in dem Gebäude verbauten Materialien nicht dokumentiert waren, sei lange nicht klar gewesen, mit welchem Aufwand der Umbau wirklich verbunden sein würde. “Wir hatten letztlich Glück, dass hier beispielsweise kein Asbest verbaut war”, so Griefahn. Eine digitale Dokumentation aller verbauten Materialien würde dieses Problem lösen. Wichtiger als über die Hürden zu sprechen sei indes, zum Thema klimapositives bauen überhaupt ins Gespräch zu kommen, einfach zu machen und dabei unter Bauherr*innen, Architekt*innen und Planer*innen zu kooperieren. “Wir müssen Gebäude bauen, die wirklich klimapositiv sind. Das kann Holzbau sein, aber auch andere Formen haben. Was nicht geht, ist irgendwo einen Betonklotz hin zu stellen, ohne zu überlegen, was nach der Nutzung damit passiert”, schloss Griefahn die Veranstaltung.